Die Deutsch-Leistungskurse der Kursstufe 1 haben im Rahmen des Unterrichts das Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist behandelt. Im Anschluss wurden vom LK bei Frau Sapel zwei Theaterinszenierungen besucht: am 23. Januar eine Aufführung am Theater Freiburg und am 13. März eine weitere Inszenierung des Theaters „mobile Spiele“ zu Gast am Theodor-Heuss Gymnasium Freiburg.
Beide Umsetzungen gehen sehr unterschiedlich mit dem Originaltext um und zeigen, wie ein 200 Jahre altes Stück modern interpretiert werden kann.
Der zerbrochene Krug von Kleist (1808)
Im fiktiven, niederländischen Dorf Huisum erhält Dorfrichter Adam überraschend Besuch vom Gerichtsrat Walter, der das Dorfgericht überprüfen soll und einer Gerichtsverhandlung beiwohnt: Klägerin Marthe beschuldigt Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve, bei einem unerlaubten nächtlichen Besuch bei Eve einen Krug zerbrochen zu haben. Während der Verhandlung versucht Dorfrichter Adam, die Aufklärung des Falls zu lenken und die Wahrheit zu verschleiern. Nach und nach wird deutlich, dass Adam selbst nachts bei Eve war, sie bedrängt hat und für den Bruch des Kruges verantwortlich ist. Am Ende wird Adam entlarvt und entzieht sich seiner Verantwortung durch Flucht. Das Stück verbindet komische Elemente mit ernster Kritik an Machtmissbrauch und Justizwillkür.
Inszenierung am Theater Freiburg: Der zerbrochne Krug »Pyjama-Party gone wrong: Heinrich von Kleists Erfolgskomödie mit Gruselfaktor.«

Szene aus „Der zerbrochne Krug“ am Theater Freiburg, Foto: Philip Frowein
Die Inszenierung der Regisseurin Yana Eva Thönnes entfernt sich deutlich vom Original und entwickelt daraus ein völlig neues Stück. Die Handlung wird in eine Pyjama-Party verlegt, die in Eves Schlafzimmer stattfindet. Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr die Gerichtsverhandlung selbst, sondern Eves Perspektive und ihre Verarbeitung eines sexuellen Übergriffs durch Adam. Die Inszenierung rückt das Thema sexualisierte Gewalt in den Fokus und bezieht sich auf die #MeToo-Bewegung. Die eigentliche Handlung des Stücks von Kleist erscheint dabei als Rollenspiel innerhalb dieser Freundesgruppe: Die Mädchen übernehmen verschiedene Rollen wie Eve, Adam oder Walter und rekonstruieren so den Ablauf der Ereignisse. Dadurch verschwimmt immer mehr die Grenze zwischen Spiel und Realität und es wird eine beklemmende Atmosphäre erzeugt.
Die Handlung wird nicht mehr chronologisch erzählt, sondern durch Perspektivwechsel und Einschübe unterbrochen. Szenen aus dem „Girlstalk“ wechseln sich mit Passagen aus dem Originaltext ab. Die Bühne wird als Mädchenzimmer gestaltet – ein geschützter Raum, der jedoch zugleich der Ort des Verbrechens war. Die Inszenierung arbeitet stark mit Symbolik und emotionaler Wirkung: So wird der Übergriff selbst als besonders eindringliche Szene dargestellt. Am Ende findet eine Umkehrung der Machtverhältnisse statt: Eve steht über dem am Boden liegenden Adam und zitiert dessen Worte „Verzeihet, ihr Herren!“ mit betont ironischem Unterton.
Insgesamt entsteht eine Neuinterpretation, die den ursprünglichen Handlungsablauf bewusst verändert, um das aktuelle Thema sexualisierte Gewalt hervorzuheben und Opfer zu ermutigen, die Tat sowie den Täter an die Öffentlichkeit zu bringen.
Inszenierung durch THEATERmobileSPIELE: KLEIST.DER ZERBROCHNE.KRUG.

Szene aus „Der zerbrochne Krug“ vom THEATERmobileSPIELE, Foto: Stefan Mesitschek
Die Inszenierung des Regisseurs Thorsten Kreilos bleibt deutlich näher am Originaltext. Hier wird die Handlung chronologisch und ohne größere Veränderungen erzählt. Der Text ist etwa auf die Hälfte gekürzt, sodass die Aufführung kompakter und dadurch zugänglicher ist. Eine moderne Anpassung ist, dass die traditionell patriarchalisch besetzten Strukturen des Gerichts aufgebrochen werden, indem Frau Gerichtsrätin Walter und Frau Gerichtsschreiberin Licht auftreten.
Das Besondere an diesem Stück ist die reduzierte Besetzung aus nur zwei Personen: ein Schauspieler (David Linson) spielt Adam, alle anderen Rollen werden von einer einzigen Schauspielerin (Petra Ehrenberg) verkörpert. Durch schnelle Kostümwechsel, veränderte Stimmen und den Einsatz von Puppenfiguren schlüpft sie in unterschiedliche Rollen. Ergänzt wird dies durch mediale Elemente wie einen Bildschirm, auf dem zusätzliche Szenen gezeigt werden, sodass der Eindruck entsteht, es seien mehr Personen beteiligt.
Während bei der Version am Theater Freiburg eine neue Deutung im Vordergrund steht, konzentriert sich „mobile Spiele“ darauf, die ursprüngliche Geschichte verständlich zu vermitteln. Humor spielt hier eine große Rolle, wie es auch im Original angelegt ist. Gleichzeitig wird die Handlung durch einfache Bühnenmittel veranschaulicht, wie symbolische Requisiten oder einen roten Faden, der Adams Verstrickungen in sein Netz aus Lügen sichtbar macht. Ziel dieser Inszenierung ist vor allem, das Stück, insbesondere für Schülerinnen und Schüler, verständlich und zugänglich zu machen.
Insgesamt zeigen die beiden Aufführungen, wie unterschiedlich ein klassisches Theaterstück modern inszeniert werden kann. Während die Inszenierung am Theater Freiburg die Handlung stark verändert und neu interpretiert, bleibt die zweite Aufführung näher am Original und legt den Fokus auf Verständlichkeit und Vermittlung. Beide Inszenierungen zeigen, dass selbst ein über 200 Jahre altes Stück immer noch aktuell ist und auf unterschiedliche Weise modern auf die Bühne gebracht werden kann.
Die Inszenierung des Theater Freiburg richtet sich also vor allem an Zuschauer*innen, die „der zerbrochene Krug“ bereits gut kennen und Interesse an einer ungewöhnlicheren Deutung und einer neuen Sichtweise haben. Wer hingegen eine eher werktreue, klassische Inszenierung erwartet, wäre bei der Aufführung des Theaters „mobile Spiele“ besser aufgehoben gewesen.
In meinen Augen hat die Inszenierung des Theaters Freiburg besonders durch Eves Perspektive auf das Stück und den aktuellen Bezug zur #MeToo-Bewegung überzeugt. Auch das Konzept eines „Theaterstücks im Theaterstück“ fand ich interessant. Die Ästhetik von Bühnenbild und Kostümen hat mich sehr angesprochen. Jedoch wirkte die Aufführung für mich teilweise schwer nachvollziehbar, da viele Ideen und Symbole gleichzeitig eingesetzt wurden und die Handlung stellenweise verwirrend war. In meinen Augen gab es außerdem einen zu großen Kontrast zwischen der Originalsprache Kleists und der modernen Jugendsprache bei der Pyjama-Party.
Die Inszenierung des Theaters „mobile Spiele“ war dagegen deutlich verständlicher und näher am Original. Besonders positiv war für mich die schauspielerische Leistung, vor allem der schnelle Rollenwechsel, und der kreative Einsatz von Technik und Requisiten. Die private Atmosphäre im Klassenzimmer machte die Figuren nahbarer. Zusätzlich fand ein Nachgespräch statt, welches die Möglichkeit bot, Fragen zu stellen und das Stück noch besser zu verstehen.
Der Mehrheit meines Deutsch-Kurses und mir hat die zweite Inszenierung besser gefallen.
Lara Tewes, LK Deutsch bei Frau Sapel








